Die frühen Auswanderer – Simonswälder in der weiten Welt

Die frühen Auswanderer – Simonswälder in der weiten Welt
Symbolbild deutscher Auswanderer um 1850

Bis etwa ins Jahr 1750 zurück reichen Aufzeichnungen über Simonswälder Auswanderer. Dem Lockruf der weiten Welt folgend, nahmen zahlreiche tapfere, leichtsinnige, hoffnungsvolle und in jedem Fall neugierige Simonswälder ihr Schicksal in die Hand. Diese Folge berichtet von einigen auserwählten Abenteuern zwischen Strapazen, Katastrophen und Erfüllung.

Während Stephan Wehrle insbesondere die niedergeschriebenen Fakten der umfangreichen Ortschronik einbringt, berichtet Hans-Jürgen Wehrle überwiegend aus noch erhaltenen Briefen, unter anderem aus Übersee.

Kaiserin Maria Theresia und das Banat

Zur Zeit der ersten erfassten Auswanderer gehörte die Region um Simonswald bis Ensisheim zu Vorderösterreich, welches von Kaiserin Maria Theresia regiert wurde. Im Rahmen Ihrer Wirtschaftsreformen warb diese in großem Stil um Arbeiter. Diese sollten unter anderem die Landschaft des Banats, einer historischen Region im Dreieck Serbien, Rumänien und Ungarn, urbar, also land- oder forstwirtschaftlich nutzbar, machen. Das Gesuch wurde erhört, schnell bildeten sich mehrere Kolonien, meist aus zahlreichen ehemaligen Schwarzwäldern. Ihre Bereitschaft war weniger aus wirtschaftlicher Not, sondern aus Abenteuerlust heraus motiviert.

Auch aus Simonswald folgten 1761 ganze zehn Familien dem Geheiß ihrer Kaiserin Maria Theresia.

Historische Darstellung einer Ulmer Schachtel
Historische Darstellung einer Ulmer Schachtel, Quelle: Wikipedia

Unter ihnen war etwa der damalige Dorerbauer aus Haslachsimonswald. Er war zunächst verschuldet, verkaufte daher seinen ganzen Hof und reiste mit dem Erlös ins Banat. Die Auswanderer machten sich recht schwer beladen und unter widrigen Umständen auf den Weg und gelangten zunächst nach Ulm. Von dort fuhren sie auf den so genannten „Ulmer Schachteln“, sehr einfachen und schlichten Booten, die Donau entlang nach Temeswar, einem später wichtigen Ort im Banat.

Zu diesen ersten Auswanderern liegen einige Aufzeichnungen vor. Noch heute bestehen Verbindungen von Simonswäldern ins Banat, etwa von den Familien Weis, Fischer und Gehring.

Als die Donau noch nicht begradigt war

Die nächste Welle verlief weniger glücklich. In den Niederschriften des Abts M. Fritz vom Kloster St. Peter ist zu lesen, dass 1767 zahlreiche Schwarzwälder Kolonisten ins Banat reisen wollten. Die aus Wildgutach, Neukirch und St. Märgen stammenden Auswanderer strebten die gleiche Route über Ulm wie ihre Vorgänger an. Nach wie vor aber war die Donau noch nicht begradigt und war stellenweise ein gefährlicher, reißender Fluss. Da zugleich großer Andrang in Ulm herrschte, wurden besagte Ulmer Schachteln massiv überladen. Dem Tagebuch des Abts nach kenterten so gleich mehrere Schachteln, wobei rund 3.000 Menschen ums Leben kamen.

Dennoch kamen viele Schwarzwälder Auswanderer auch erfolgreich dort an. Bis zum Zweiten Weltkrieg machten etwa die Donauschwaben die größte ethnische Gruppe der Banater Bevölkerung aus.

Halber Schwarzwald ins Banat eingewandert

Schon bald gründeten oben erwähnte Kolonisten ganze Dörfer, wie etwa Weißkirchen. Wie in einer von Banatdeutschen verfassten Chronik nachzulesen ist, hieß das Dorf zunächst anders. Als schließlich der Haslachsimonswälder Auswanderer Josef Bürgermeister wurde, benannte man die Gemeinde nach ihm um.

Besagte Chronik besteht aus diversen Unterlagen aus dieser Region. In vielen davon werden Simonswälder Auswanderer erwähnt. Entsprechend begeistert war Hans-Jürgen, so dass er sich immer tiefer in die Materie einlas und bei den Autoren auch namentlich als Simonswälder Heimatforscher bekannt wurde.

Wenn der Heimatforscher mit dem Ahnenforscher

Eine freudige Überraschung war es schließlich, als vor einigen Jahren plötzlich ein Mann mit Nachnamen Weiß vor Hans-Jürgens Haustür in Simonswald stand. Er stammte aus Lienz und trug einen ganzen Koffer voller Akten über Auswanderer bei sich – ein Traum für den Simonswälder Heimatforscher. Wie sich herausstellte, war der Mann Ahnenforscher und wollte über die Beziehung zu Hans-Jürgen die Standesbücher Simonswalds studieren, um weitere Untersuchungen anzustellen.

Gruß und Kuss nach Budapest – und zurück!

Logo des früheren "Rádió Budapest"
Logo des früheren „Rádió Budapest“

Eine wiederum von Hans-Jürgen angestoßene Begegnung entstand beim „Zappen“ durch die Kurzwellensender. Zufällig stieß er auf einen ausländischen Radiosender, der samstags um 14 Uhr volkstümliche, Schwarzwälder Musik spielte. Die deutschsprachige Sendung hieß „Gruß und Kuss“, der Sender „Radio Budapest“. Der „Gruß und Kuss“ war von den Ungarndeutschen an die Banatdeutschen gerichtet. Im Rahmen eines Wunschkonzerts brachten sie zudem wunderschöne Schwarzwälder Melodien zu Gehör. Die Bandbreite reichte von alten Raritäten bis hin zu traditionellen Liedern, die noch heute bei Heimatabenden und ähnlichen Veranstaltungen gespielt werden.

Da schrieb ich kurzerhand nach Budapest, ob sie mir die im Radio gesendeten Schwarzwaldlieder zuschicken könnten. Nach etwa vier Wochen erhielt ich freudig ein Päckchen mit einer Schallplatte drin.

Die Aktion verdeutlichte, dass bis vor dem Zweiten Weltkrieg unsere regionalen Sitten und Bräuche auch im Banat – Budapest zählte am Rande mit dazu – weit verbreitet waren.

Während der langen Zeit von 1761 und etwa 1940 wurden diese dort durch die vielen Auswanderer immer mehr etabliert. Vermischt mit den dort bereits befindlichen Traditionen, durch Nachfahren wieder etwas mehr gefestigt, entstand eine hochinteressante Kultur aus Trachten, Tänzen, Musik und Brauchtum. Nicht selten sind Banatdeutsche noch heute bei größeren internationalen Trachtenfesten mit dabei – und oft auch mit ursprünglich Schwarzwälder Trachten und Tänzen.

Dunkles Kapitel des Banats – die Umsiedlung der Habsburgermonarchie

Wir reisen wieder zurück in die Zeit um einige Jahre vor oben genanntem Jahr 1761. Denn nicht unerwähnt darf bleiben, dass für die Monarchin Maria Theresia das mehr und mehr bevölkerte Banat zunehmend als Verbannungsziel galt. In diesen Jahren wurden bis etwa 1768 über dreitausend Menschen donauabwärts dorthin deportiert. Es waren ausschließlich Menschen, die „nicht der Gerichtsbarkeit zugeführt werden konnten“.

Im Rahmen dieser „Temeswarer Wasserschübe“ wurden tausende „Landstreicher, liederliche Weibspersonen, Wilderer, Schmuggler und aufsässige Bauern“ ins Banat verbannt.

Zu bedenken gilt hier, dass die Region noch einige Jahre zuvor sehr von schlimmen Seuchen wie Pest und auch Cholera gebeutelt war.

Nächste Simonswälder Auswanderung erst wieder im 19. Jahrhundert

Die von Abt M. Fritz dokumentierte Auswanderungswelle um 1767 war auch zugleich die vorerst letzte in jenem Jahrhundert. Entsprechend geht es weiter mit Schicksalen aus dem Jahr 1808.

In jenem Jahr nämlich wanderte der Simonswälder Sebastian Stratz ins russische Odessa aus. Bereits ein Jahr später folgten ihm Heinrich Baumer vom Gallihof und dessen Bruder. Wie sich später herausstellte, erlernte Heinrich Baumer in Russland den Beruf des Tierarztes und wurde sogar am russischen Hof beschäftigt. Quelle dieser Erzählung ist eine Dokumentation über den Tierarzt Baumer, die Hans-Jürgen ausgehändigt wurde.

Sebastian Stratz hingegen wurde dort eher durch seinen Sohn bekannt. Dieser nämlich wurde Professor in jener Gegend. Jedoch nach etwa 20 bis 30 Jahren sind sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Umtriebiges Simonswald ab 1816 – Beginn von Seuchen, Hungersnöten und Streitigkeiten

Fünf Jahre später, 1813, war die Welt in Simonswald noch in Ordnung. In den Folgejahren ging es jedoch steil abwärts. In kürzester Zeit war Simonswald in schlimme Not geraten.

Logo des SWF1, dem Vorläufer des heutigen SWR1
Logo des SWF1, dem Vorläufer des heutigen SWR1

Bereits im Jahr 1990 berichtete Hans-Jürgen in der Sendung „Morgenläuten“ des damaligen SWF1 von diesen dramatischen Zeiten. Es handelte sich um die Fortsetzung jenes Ausschnitts, der bereits in der ersten Folge dieses Podcasts zu hören war.

Wie der von Reporter Lothar Walser angekündigte Einspieler der damaligen Sendung verriet, stand es in dieser Zeit nicht gut um Simonswald. Die Menschen waren durch misslungene Ernten derart verarmt, dass sie Graswurzeln, Rübenlaub, Baumrinde und Pferdefleisch verzehren mussten.
Hans-Jürgen verdeutlichte, dass sich die Katastrophen schon Jahre zuvor abzeichneten. Nach zwei schlechten Sommern in Folge verfaulten sowohl das Futter als auch die Ernten – mit verheerenden Folgen für Mensch und Tier im Tal.

Abhilfe schuf kurzzeitig, das faule, noch nasse Futter umgehend zu salzen und ohne große Lagerung das Vieh damit zu füttern. Dennoch ließ sich eine ernsthafte Hungersnot nicht abwenden, die sich über den ganzen Schwarzwald erstreckte. Es kam zur massiven Unter- oder Fehlernährung der Bevölkerung. Als Beispiel nannte Hans-Jürgen, dass mangels echten Mehls Sägemehl in den Broten verbacken wurde, um die Menge zu strecken. In der Konsequenz erlitten die Menschen heftige bis tödliche Magenkrämpfe.

Dieser Situation geschuldet, stiegen die Todeszahlen in den Jahren 1817 und 1818 erheblich an.

Durch Misswirtschaft und Hungersnot in die Verzweiflung getrieben, verkaufte der Hornbauer beim Obertäler Hornkopf seinen kompletten Hof an einen Untertäler Bauer für ein paar neue Schuhe und zwei Laib Brot.

Keine fünf Jahre zuvor, 1813, galt Simonswald nicht zuletzt durch beachtliche Schweineherden noch als wohlhabend…

Trotz der prekären Lage und größeren Auswanderungswellen aus anderen Gemeinden der Region, sind laut Ortschronik von Simonswald keine Fälle zu dieser Zeit bekannt.

Wichtige Aufzeichnungen aus dem Kloster St. Peter

Ignaz Speckle, Abt aus St. Peter, welcher div. Auswanderungen und die Hungersnöte dokumentierte
Ignaz Speckle, Abt aus St. Peter, welcher div. Auswanderungen und die Hungersnöte dokumentierte

Auch der Abt Ignaz Speckle vom Kloster St. Peter hinterließ in seinem Tagebuch interessante Aufzeichnungen. Im Jahr 1817 etwa schrieb er, dass die „Lust oder Sucht zum Auswandern immer größer“ werde und aus dem Dreisamtal 6.000 Personen ausgewandert seien. Seit der Zeit der Armut ab 1814 waren es mit 60.000 „Badensern“ insgesamt sogar zehnmal so viele.

Weiter schreibt er, das „Elend und der Jammer“ seien groß, „Armut und Bettelei“ nähmen zu. Alles sei teuer, das Geld rar oder gar nicht vorhanden. Auswanderer jener Zeit waren also nicht durch Abenteuerlust getrieben wie noch rund 50 Jahre zuvor. Diesmal waren es bittere Armut und die Notlage.

Authentisch werden die Aufzeichnungen Speckles auch durch seinen Bericht über den Kometen von 1811, der als Auslöser der folgenden Katastrophen ausgemacht wurde. Seitdem sei sichtlich nichts mehr gewachsen, die Heuernte konnte erst im Oktober erfolgen, Kartoffeln gab es von 1814 bis 1817 teilweise gar keine.

Unstimmigkeiten in der Dokumentation folgender Auswanderungen

Zu einzelnen Schicksalen in jener Zeit gibt es nur unvollständige oder unzureichende Aufzeichnungen. Von Christian Nitz wird spekuliert, er sei nur unbemerkt umgezogen, da er in keinen Listen auftaucht, aber trotz eines hinterlassenen Vermögens von 357 Gulden (heute rd. 4000 Euro) verschwand.

Vor und nach der Badischen Revolution

Noch vor der Badischen Revolution rumorte es spürbar in der Region, so dass insbesondere die Militärpflichtigen nervös wurden. Damalige Amtsblätter des Amtsbezirks Waldkirch verzeichneten aber auch darüber hinaus zahlreiche Auswanderer zu jener Zeit – überwiegend junge Menschen. Spätere konkrete Schriftstücke Betroffener belegen aber, dass sie dem „Militär entflohen und nach Amerika ausgewandert“ waren.

1848 begann schließlich die Badische Revolution um den Revolutionär Friedrich Hecker und Gustav Struve.

Auch Simonswald galt als „großes Heckernest“. Die örtlichen, fanatischen Anhänger versammelten sich regelmäßig im Gasthaus Ochsen.

Im Rahmen der Säuberung nach der Revolution wurden schließlich intensiv Beteiligte ermittelt und mit Haftstrafen belegt. Es folgte eine weitere Welle der Auswanderung, um dem drohenden Schicksal zu „entweichen“.

Gustav Struve war bereits nach Amerika ausgewandert, gehörte schon bald wieder zum Militär und nahm an den Sezessionskriegen teil. Dies imponierte auch vielen Hecker-Freunden, die ihm folgten.

Die Abenteuer der Gebrüder Guth

Anton Guth, Vater von Franz Xaver und Leopold Guth, zugleich erster Dirigent der Trachtenkapelle Simonswald
Anton Guth, Vater von Franz Xaver und Leopold Guth, zugleich erster Dirigent der Trachtenkapelle Simonswald

Durch Zufall stieß Hans-Jürgen vor einigen Jahren auf einen Bündel Briefe, den eine Frau bereithielt. Ihre Mutter hätte diese zuvor um ein Haar in den Ofen geworfen. Dann wären die wahrhaft abenteuerlichen Zeilen des jungen Franz Xaver Guth aus der Geschichte radiert worden. Zum Glück sind sie aber erhalten geblieben, geben sie doch einen authentischen Einblick in die damaligen Absichten, Ansichten und Weitsichten des Auswanderers.

Noch im Jahr 1847 zeichnete sich eine Reise von Simonswald nach New York bedeutend aufwändiger ab. Am 18. Mai 1847 kamen sie zunächst in London an. Erst nach achttägiger Wartezeit ging es dann mit dem Schiff „Diana“ über den großen Ozean nach New York. Wiederum die ersten acht Tage auf diesem Schiff war er seekrank, erfreute sich aber an den Fischen „verschiedener Größen und Gattungen“, die er aus seiner Heimat nicht kannte. Konkret erzählte er von Pottwalen, Hai- und Schwertfischen sowie von Delfinen. Fasziniert haben ihn die Leuchttürme der amerikanischen Küste, denen sie bei der Einfahrt auf dem Hudson River am stark benebelten 11. Juli 1847 begegneten.

Ihr könnt Euch keinen Begriff machen von den Gefühlen, welche das Herz durchlanzten bei dem Anblick des schönen Landes

Inzwischen war einige Zeit vergangen, Franz Xaver Guth war gestandener „Sackuhrenmacher“ in Amerika, als er einen Brief an seinen Vater Anton Guth schrieb.
Anton Guth war erster Dirigent der 1798 gegründeten Trachtenkapelle Simonswald. Im Brief bat er ihn, er möge seinem Bruder Leopold das „Sackuhren machen recht lehren“, da er einen kundigen Gesellen zur Hilfe für sein „Uhren- und Schmuckgeschäft“ bräuchte. Das Geschäft ginge gut, alle Tage gäbe es Fleisch, Kaffee, Butter, Milch und Honig. Auch verdiene er in einem Monat so viel, wie Anton und Leopold das ganze Jahr über in Simonswald. Eindringlich riet er abschließend seinen Eltern, sie mögen alles verkaufen was sie hätten und ebenfalls nach Amerika kommen.

Eine Auswanderung war eine offizielle Sache

Wenn man auswandern wollte, muss bei der Gemeinde ein Gesuch gestellt werden, welches vom Bezirksamt geprüft wurde. Sofern genehmigt, folgte eine Bekanntmachung im Anzeigenblatt und in der Breisgauer Zeitung sowie eine Schuldenliquidation, so dass niemand mit Schulden auswandern konnte.

Genauso wenig durfte man gehen, wenn man den Militärdienst noch vor sich hatte, es sei denn man war untauglich oder organisierte einen Stellvertreter.
Erwünscht und sprichwörtlich gefördert war eine Auswanderung hingegen, wenn man arm war, und man der Gemeinde ohnehin auf der Tasche gelegen hätte.

Dann bezahlten Staat und Gemeinde die Person, damit sie gehen konnte. Dies war ein anerkanntes und legitimes Mittel für den Staat, unliebsame Menschen loszuwerden. In diesem Rahmen wird etwa vom tatenlosen 17-jährigen Paul Gumpert aus Simonswald berichtet, dessen Auswanderung nach Nordamerika begrüßt wurde. Mädchen jedoch durften selbst mit 20 nur mit Familienangehörigen auswandern.

Männliche Erstgeborene wurden gelegentlich einer strengeren Prüfung unterzogen. Es musste sichergestellt sein, dass der, so wörtlich, „Umtrieb“ des Hofes weiterhin möglich ist und genügend Kinder da sind.

Auch gab es Zweifler, wie etwa den Wildgutacher Michael Ruth. Diesen reizte Amerika zwar, aber er wollte es nicht förmlich machen, denn man wusste ja nie. Schließlich galt es, das wichtige Heimat- und Staatsbürgerrecht aufzugeben, was ihm zu heikel war.

Lückenhafte Erfassungen

Beliebte Auswanderungsziele von Simonswäldern in Nordamerika
Beliebte Auswanderungsziele von Simonswäldern in Nordamerika

Trotz dieses offiziellen Ablaufs waren nicht alle Auswanderungen sauber erfasst. Gelegentlich wurde bei abweichenden Vergleichen der Listen spekuliert, ob nicht doch der Vater/Sohn gemeint sein könnte. Es wird von deutlich mehr Auswanderungen vor 1850 ausgegangen.

Krämer Philipp Nitz etwa tauchte in keiner Passagierliste auf, so dass sein Haus und Hof versteigert wurden. 1851 gab es allein in Untersimonswald Versteigerungen von insgesamt acht Höfen.

Trotz einiger Ungereimtheiten ließ ab 1850 die Auswanderung nach, zumindest auf dem Papier. Hauptgrund war, dass Amerika die Einwanderungsgesetze verschärften. Unter anderem hatte man nun ein gewisses Vermögen nachzuweisen. Auch während der Bürgerkriege, der so genannten Sezessionskriegen, war eine Einwanderung nicht gestattet. Die Anzahl der Gesuche stieg erst nach 1865 wieder.

Weiteres Beispiel für die damaligen Erfassungslücken war Eva Dold, die eine Auswanderung mit ihren vier Kindern ankündigte und dann verschwunden war. In den Passagierlisten standen nur sie und eine Tochter.

Beliebte Ziele waren der Nordosten Nordamerikas wie Pennsylvania, Ohio, New York, Indiana und der Norden wie Wisconsin.

Etwas Licht im Dunkel erhoffte man sich bei Recherchen nach Nachfahren bei Todesfällen, um das Erbe zu klären. Oft suchte man hier vergebens – sowohl in Amerika, als auch in Simonswald.

Das Beispiel Stephan Saum vom Plattenhof zeigt jedoch, dass sich eine Suche lohnen kann. Er vererbte 1892 aus Amerika seinen Geschwistern in Simonswald rund 11.500 Mark – eine sehr stattliche Summe. Letztlich lebte aber auch in Simonswald nur noch ein Bruder, dem der Betrag schließlich zuging.

1852 hatte Simonswald mehr Einwohner als heute

Eine Volkszählung ergab, dass 1852 mit 3.318 Menschen mehr in den Einzelgemeinden zusammen lebten als heute in der Gesamtgemeinde. Jedoch wanderten hier bis 1890 415 davon aus, die Dunkelziffer schätzt man auf rund 500. Entsprechend verließ in vierzig Jahren jeder sechste bis achte Simonswälder seine Heimat. Für die Gemeinde war dies jedoch ein Vorteil, man konnte sich „gesundschrumpfen“, da die übrigen Einwohner fortan bessere Verdienstmöglichkeiten hatten.

Uneheliche Kinder? Lieber auswandern…

Exemplarische Passagierliste eines Auswanderungsschiffes um 1853
Exemplarische Passagierliste eines Auswanderungsschiffes um 1853

Moralisch sehr bedenklich und doch gelebte Praxis. Vom „Engelbeck“ oder auch dem früheren Jockenbauer etwa ist es bekannt, dass sie ein außereheliches Kind hatten und daraufhin angezeigt wurden. Sie waren gewiss nur zwei von sehr vielen, doch wollten sie mit dieser Bürde nicht in Simonswald leben und wanderten aus.

Im offiziellen Wortlaut hieß es, sie seien bei Nacht & Nebel der Schande nach Amerika entwichen.

Stellvertretend für eine größere Gruppe, der dies widerfuhr, stellten auch diese Herren keinen Antrag und verließen Simonswald unbemerkt. Auch war dies häufig der Fall, wenn man sich im Allgemeinen etwas zu Schulden kommen ließ.

Hans-Jürgen wusste zudem von zwei Falschmünzern zu berichten, die um 1850/1860 in Simonswald lebten. Nachdem sie etwas „angestellt“ hatten und kurzzeitig in Haft waren, wurden sie kurzerhand nach Amerika ausgewiesen. Dieses Schicksal ereilte damals vergleichsweise viele Menschen.

Nach erfolgreicher Fahnenflucht waren 10 Jahre Abwesenheit Pflicht

Vom Reiz Amerikas abgesehen, war die Auswanderung – wie oben erwähnt – für junge Burschen ein probates Mittel, dem Militär zu entkommen. Wem die Fahnenflucht gelang, sollte tunlichst auch zehn Jahre in Amerika bleiben. Erst dann war eine straffreie Rückkehr nach Deutschland wieder möglich.

Aus heutiger Sicht amüsant waren auch die Fahndungsanzeigen zu diesen Deserteuren in den Anzeigeblättern. Mangels Foto wurden diese möglichst genau beschrieben.

Fahndung nach dem Deserteur! Augenfarbe: blau, Größe: 1,70 m, Zähne gut erhalten, schwarze Haare. Wer etwas weiß, möge Meldung machen.

Auch nutzten viele damals den Heimaturlaub, um dauerhaft vom Regiment fernzubleiben.

Keine Zukunftsperspektiven

Bei den damals kinderreichen Familien kam es bei mehreren Brüdern auch vor, dass die jüngeren zu Auswanderern wurden. Josef Dorer aus Haslachsimonswald etwa erzählte um 1881, dass er ja noch weitere vier Brüder habe und den Hof somit ohnehin nicht erhalten werde. Und da er zudem sein Auskommen und die Arbeit doch nur bei fremden Leuten verrichte, sei es für ihn gleich, wo er sei und arbeite. Er kontaktierte also einen Schulkameraden in Amerika, von dem er sich Hilfe erhoffte.

Die Hände in den Schoß legen hilft nicht, also fort von hier. Man muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Ständige Begleiter vieler Auswanderer: Seekrankheit und Heimweh

Nur ein Jahr später verfasste Theres’ Fischer vom Gasthaus Erle in Obersimonswald einen Brief, in dem sie von der großen Schifffahrt berichtet. Am 24. August 1882 wollte sie ihrer Familie „ein paar Zeilen schreiben“. Zehn Tage zuvor seien sie „mit Freuden“ auf das Schiff gegangen, wobei sogar „die Musik gespielt“ habe. Kaum auf dem Ozean ging jedoch „das große Brechen an“. Gemeinsam mit ihrem Onkel Josef seien 1.400 Personen auf dem Schiff gewesen. Das Essen sei „nicht so arg gut“, besseres Essen sei – wie alles andere auch – sehr teuer. Zum Glück bezahlte ihr Josef so einiges, etwa die Reise von Waldkirch nach Mannheim für 12 Mark. Von dort ging es mit der Eisenbahn bis Antwerpen, wo sie dem Schiff zustiegen.

In ihrem Brief stand zudem: „Wir haben eine schöne Musik auf dem Schiff. Schöner wie ihr in Simonswald. Sie spielt im Tag zwei bis dreimal. Um den Schinken und Speck von zuhause bin ich recht froh.“

Das Heimweh war der jungen Dame nicht zu verdenken. Oft ist man bis in ihr Alter gar nicht aus Simonswald herausgekommen. Die Sehnsucht nach Hause ist aus den Grußworten am Ende der jeweiligen Briefe deutlich herauszulesen. Mit viel Sorgfalt bat sie stets um Grüße an ihre Schulkameradinnen, etwa „Kaspers Theres“ oder die „Näherin“.

Die Schiffsvermittler waren wahre Banditen

Angebot und Nachfrage. Natürlich waren die Plätze auf den Schiffen begrenzt, entsprechend begehrt und somit ein Paradies für „Banditen, die den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen“, so Theres’ Fischer. Nicht selten kam es auch vor, dass manche Leute „nie in Amerika angekommen sind. Wer weiß, wie sie über Bord kamen.“

Kein Himmel auf Erden – schwarze Schafe hinter Klostermauern

Sehr dramatisch ging es um 1887 zu. Die Schwestern Frieda und Rosa Weis suchten sprichwörtlich Zuflucht im St. Josef Konvent in Milwaukee, in dem sie eine wahre Hölle durchlebten. Erst auf spätere Initiative des Pfarrers Gutmann aus Simonswald konnte eine der Schwestern befreit werden.

In der Vorstellung, Amerika sei „das gelobte Land“, ging für die Schwestern ein Traum in Erfüllung, dorthin auszuwandern. Gläubig, wie sie waren, erschienen insbesondere die Werbungen der dortigen Klöster nach neuen Mitgliedern verheißungsvoll.

Die jungen Mädchen freuten sich im amerikanischen Kloster auf große Gemeinschaft und den Dienst am nächsten. Sie bekamen jedoch das böse Erwachen.

Wie man neue Leute anlockt, hatten die franziskanischen Ordensschwestern beherrscht: alles war geschmückt und schön hergerichtet, Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangen. Diese freuten sich voller Tatendrang darauf, Heidenkinder zu unterrichten und Nächstenliebe auszuleben.

Historische Aufnahme des St. Joseph's-Konvent in Milwaukee
Historische Aufnahme des St. Joseph’s-Konvent in Milwaukee

Es folgte die harte Realität. Der Konvent war von der Außenwelt völlig abgeschirmt. Die ranghöheren Ordensschwestern lebten wie die Maden im Speck. Frieda indes – von ihrer Schwester inzwischen getrennt – musste mit den anderen Neuen von 5 Uhr früh bis 21 Uhr abends hart arbeiten. Rosa erging es noch schlechter. Ihre schwere Erkältung wurde abgetan, blieb unbehandelt und entwickelte sich zur „Lungenschwindsucht“. Nur über Umwege erfuhr Frieda von der Situation Rosas und setzte alles in Bewegung, sie schnellstmöglich zu sehen. Kurz nach diesem Treffen erlag Rosa ihrem Leiden.

Den Totenschein der Schwester in der Hand

Erst dann begriff Frieda allmählich, was geschehen ist und beschloss für sich den Austritt. Erwartungsgemäß war dies jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Die Ordensschwestern setzten ihr zu, drohten mit der Hölle und dem Fluch Gottes, der ihr auf Schritt und Tritt folgen werde. Aus heutiger, aufgeklärter Sicht keine wirkliche Gefahr war dies damals bitterer Ernst und eine psychische Qual. Immer wieder verbildlichten ihr die Ordensschwestern die brutalen Szenarien in den „glühendsten Farben“, so der Wortlaut der Briefe. Auch hielt sich die Sage aufrecht, entflohene Schwestern seien nach ihrem Austritt „wahnsinnig geworden“.

Auf ungeklärte Weise schaffte es Frieda, Kontakt zum Simonswälder Pfarrer Gutmann aufzunehmen. Endlich erhielt sie Unterstützung aus der Ferne. Der Pfarrer sprach ihr Mut zu, das Kloster zu verlassen.

Erst deutlich später erfuhren Friedas Angehörige von der Sache. Im Glauben, diese seien im Bilde, stellte sich heraus, dass die Ordensschwestern sämtliche Briefe in die Heimat zensierten oder gar nicht erst abschickten.

Nachdem sie ihr Glück in Chicago fand, machte sie mit ihrem Mann die Machenschaften des Konvents öffentlich. Der anprangernde Bericht ihres Mannes erreichte auch die Karlsruher Badische Landeszeitung. Entsprechend verschärften die Zeitungen ihre Warnungen, in solche amerikanische Klöster einzutreten.

Kaum Auswanderungen im 20. Jahrhundert

Allmählich entspannte sich die Situation, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war von keinen weiteren Auswanderungen aus Simonswald bekannt.

Vor und nach dem ersten Weltkrieg bestand kein Grund zum auswandern, es war ja alles da.

Von der Inflation Anfang der 1920er abgesehen, wurden die Vorzeichen deutlich weniger, die Auswanderungen waren quasi erloschen. Zwischen 1914 und 1940 werden zwei oder drei Auswanderungen aus Simonswald vermutet.

Mit Beginn des Nationalsozialismus Anfang ab 1933 wurde vermehrt Ahnenforschung betrieben. Die Nazis hielten Ausschau nach etwaigen Verwandten im Ausland. In den Schulen wurden so genannte Heimatbüchlein eingeführt, welche die Schülerinnen und Schüler ausfüllen und aktuell halten mussten.

Neben Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wurde darin auch erfasst, wer aus der Verwandtschaft wann wohin auswanderte. Sofern zutreffend, wurde seitens des Lehrers gebeten, zuhause nachzufragen, ob man noch in Kontakt zu jenen Auswanderern stehe.

Trifft auch das zu, wurde im nächsten Schritt um die Adresse gebeten, so dass das Regime seine Fühler ausstrecken konnte. Rückblickend leicht durchschaubar, war die Aktion damals sehr perfide, da die Kinder oftmals sehr stolz darauf waren, etwa „eine Tante in Amerika“ zu haben. Entsprechend auskunftswillig und akribisch gaben sie die Daten oft an.

Hauptsächlich ethnisch motiviert, ging das Regime aber irrationaler Weise auch davon aus, die Familien seien automatisch reich, wenn sie Verwandte im Ausland hätten. Ein Irrglaube, der sich nicht selten als falsch herausstellte.

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